Ausgangslage
Herausforderungen für touristische Gemeinden
In vielen Bergregionen führen tiefe Leerwohnungsziffern und eine rückläufige Wohnbautätigkeit – bei regionalen Unterschieden – zu wachsendem Druck auf den Wohnungsmarkt. Die anhaltend hohe Nachfrage nach Zweitwohnungen treibt die Preise für Wohnraum in die Höhe und begünstigt die Umnutzung von vor dem 11. März 2012 gebauten Wohnungen in Zweitwohnungen. Für Einheimische und Arbeitskräfte wird damit bezahlbarer Wohnraum knapp, was zu deren Verdrängung, verwaisten Dorfzentren und Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Personal für das lokale Gewerbe führt.

Gesetzliche Rahmenbedingungen
Zwei Gesetze prägen die aktuelle Entwicklung besonders: das Zweitwohnungsgesetz (ZWG 2015) und die Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG 1 & 2, 2020/21). Beide sollen Landschaften schützen und die Bautätigkeit vor allem innerhalb bestehender Strukturen fördern. Gemeinden müssen dazu ihre Zonenpläne und Baugesetze anpassen. Das Zweitwohnungsgesetz untersagt den Bau neuer Zweitwohnungen in Gemeinden mit einem Zweitwohnungsanteil über 20 %, bietet jedoch keinen direkten Schutz für bestehende Erstwohnungen. In Scuol sind dadurch über 90 % des Wohngebäudebestands potenziell für den Zweitwohnungsmarkt verfügbar. Die Revision des Raumplanungsgesetzes stärkt die Innenentwicklung und reduziert Baulandreserven am Dorfrand, was für Einheimische nach einem Hausverkauf oft den Wegzug bedeutet.
Die nachfolgende Karte zeigt in blauer Grundierung die Gemeinden, die den baurechtlichen Bestimmungen des Zweitwohnungsgesetzes unterstehen und Zweitwohnungen nur unter strengen Auflagen erstellen dürfen. Bei Klick auf eine Gemeinde können ausserdem weitere Informationen, wie der Zweitwohnungsanteil, angezeigt werden.
Strukturelle Veränderungen und Chancen
Zunehmend ortsunabhängige Arbeitsformen führen zu mehr Mehrfachwohnsitzen und längerer Nutzung von Zweitwohnungen. Das kann positive Effekte haben: Wissenszufluss, soziale Durchmischung, höhere Auslastung von Wohnraum („warme Betten“) sowie Impulse für Konsum und Leben im Dorf. Für eine gesunde Arbeitsmarktentwicklung braucht es eine breite Mischung an Arbeitsplätzen für alle Bildungsstufen. Der steigende Bedarf an Erstwohnungen und die wachsende Nutzung von Zweitwohnungen als Hauptwohnsitz bieten Gemeinden Chancen – vorausgesetzt, das lokale Gewerbe wird aktiv eingebunden.